Raqs Media Collective
A Day in the Life of Kiribati & Blood Moon

A Day in the Life of Kiribati

Die Geschichte der Uhrmacherkunst nahm eine entscheidende Wendung, als sich die Zeitmessung vom Kontinuum alter chinesischer Wasser- und Räucheruhren entfernte, bei denen Zeit als gleichmäßig fließender Strom verstanden wurde. Moderne Uhren hingegen unterteilen Zeit in exakte Einheiten und ziehen dadurch klare Grenzen zwischen den Momenten. Es entstehen konzeptuelle Barrieren, die das „Jetzt“ vom „Damals“ trennen und das unmittelbare Erleben von Zeit verändern. Paradoxerweise verbindet uns dieses gemeinsame Zeitmaß über verschiedene Orte hinweg – und so sind wir, in gewisser Weise synkopiert, gleichzeitig mit anderen Zeiten und Räumen verbunden.

In dieser synkopierten Gleichzeitigkeit wird die Uhr zum Symbol sowohl für Übereinstimmung als auch für Dissonanz. London und Lagos mögen zwar dieselbe Zeit teilen, doch ihre jeweiligen Erfahrungen des „Jetzt“ gehen auseinander – sie sind abhängig von lokalen Kontexten und Geschichten.

A Day in the Life of Kiribati zeigt die Zeit dieses pazifischen Inselstaats, der die internationale Datumsgrenze in seinem Gebiet verlegte, damit alle Inseln des Landes in derselben Zeitzone liegen und dasselbe Kalenderdatum haben. So wurde Kiribati zum ersten Land der Erde, das das Jahr 2000 begrüßte – das östlichste Atoll wurde eigens in „Millennium Island“ umbenannt. Zugleich könnte Kiribati der erste Staat sein, der durch den steigenden Meeresspiegel infolge des Klimawandels von der Landkarte verschwindet. Hier wird Zeitmessung zum Symbol für Kontinuität – und zur Mahnung an die Vergänglichkeit.


Blood Moon

Zeit in ihrer grenzenlosen Komplexität beschäftigt das Raqs Media Collective immer wieder aufs Neue. Mit ihren unterschiedlichen Instrumenten zur Zeitmessung entfalten sie die vielfältigen Facetten von Zeitlichkeit – ihren Rhythmus, ihren Strom, ihre Brüche und ihre Fähigkeit, menschliche Erfahrungen zu prägen. Das Wort „raqs“ bezeichnet in mehreren Sprachen einen Zustand gesteigerter Bewusstheit und Präsenz, der durch Wirbeln, Drehen und das Verweilen in einem Zustand ständiger Bewegung und Wandlung erreicht wird. Raqs versteht dies als eine Form der „kinetischen Kontemplation“ – als eine ruhelose, energiegeladene Verstrickung mit Welt und Zeit.

Blood Moon ist das jüngste Werk von Raqs Media Collective, es wurde eigens für das Planetarium Hamburg geschaffen. Unterschiedliche Ausrichtungen einer Uhr beschreiben, auf welche Weise der Mond uns Menschen beeinflusst – in unseren Herzen, auf unserer Haut – und wie er unser Empfinden gelebter Zeit verändert. Die objektive, gemeinsame Zeit lässt sich nach innen wenden, zu jenem Ort, an dem die Spanne zwischen dem Erblühen im Mondlicht und dem Durchtränktsein vom Mondschein zu einem erfahrbaren Übergang wird. Blood Moon lädt uns ein, neu darüber nachzudenken, wie wir Zeit messen, erleben und uns vorstellen. Das Werk regt dazu an, Zeit nicht nur als ein kontinuierliches Fließen zu begreifen, sondern als ein Zusammenspiel persönlicher, kosmischer und historischer Dimensionen. Darüber hinaus ist Blood Moon eine Mahnung: die planetarische Zeit für uns Menschen könnte zur Neige gehen.


Das Raqs Media Collective wurde 1992 in Neu-Delhi von Monica Narula, Jeebesh Bagchi und Shuddhabrata Sengupta gegründet. Ihre Arbeit bewegt sich an der Schnittstelle von zeitgenössischer Kunst, philosophischer Reflexion und historischer Forschung.

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