Die ortsspezifische Skulptur, The Chain Reaction, befindet sich auf den Konturen einer nicht mehr vorhandenen Säule des Mahnmals St. Nikolai, einer von vielen Spuren, die die aufeinanderfolgenden Katastrophen hinterlassen haben, welche diesen Ort geprägt haben. Das Werk knüpft an die Präsenz Alfred Nobels in Deutschland und an sein Labor in Geesthacht bei Hamburg an, wo ab 1867 die Erfindung und Verbreitung des Dynamits stattfand. Dasselbe Gebiet wurde später mit der Energieproduktion verbunden, als dort nach dem Zweiten Weltkrieg ein Kernkraftwerk errichtet wurde, das inzwischen stillgelegt ist.
The Chain Reaction zeichnet die verschwundenen Säulen nach und lässt sie wiederauferstehen, indem dieselben Zutaten verwendet werden, die Nobel in seiner Fabrik einsetzte: Glycerin, als vielseitiges Elixier, und Kieselgur, fossile Überreste mikroskopisch kleiner Algen aus der Elbregion. Im Inneren der Säule offenbart eine aus Kieselgur geformte Landschaft eine verdichtete Zeitleiste der industriellen Architekturen, die diesen Ort nacheinander geprägt haben, von Nobels Dynamitfabrik über das Kernkraftwerk bis hin zu zukünftigen Entwicklungen. Symbolisch macht das Werk die Ambivalenz von Materialien sichtbar, die sowohl unsere Welt erschaffen als auch umgestalten können. Die Arbeit stellt die Frage, wie wir den steigenden Energiebedarf mit der Notwendigkeit von Degrowth vereinbaren können, wenn nach Eva von Redecker „der Planet das neue Proletariat ist“. Nobel wird heute nicht nur als „der Kaufmann des Todes“ errinert, sondern auch als Stifter des Friedensnobelpreises. Welche Schritte aber können wir im Alltag unternehmen, um die auf Extraktion gerichteten Energien in kollektive Energien des Lebens umzulenken?
PROGRESSION / RECESSION
Seit der Installation verändern die verwendeten Materialien fortwährend die Skulptur. Anhaltende UV-Strahlung hat den natürlichen Farbstoff im Glycerin gebleicht; das Blau ist nun zu weißen, durchscheinenden Schichten zurückgetreten, es ist nurmehr ein Phantom. Regen und schwankende Temperaturen haben das Glycerin seither aufgeweicht, sodass es begonnen hat, die Stufen hinabzuschmelzen, entlang der Linien der Steine. Diese Auflösung war stets als Möglichkeit im Material angelegt — derselbe Wandel von Zweck und Nutzung, der sich durch seine Geschichte zieht, von der Waffe zum Heilmittel, von der Fabrik zum Mahnmal.
DESCENT / WITHDRAWAL
Während der Zustand der Skulptur weiterhin verhandelt wurde, wurde die Glycerinform nach unten gebracht, in den ehemaligen Weinkeller, während die Kieselgur-Landschaft im Fenster verblieb. Vor dem Umzug hatten Kinder begonnen, mit der Seife zu spielen und sich nach dem Regen darin die Hände zu waschen — für manche ein Anlass zur Sorge, für den Künstler jedoch eine willkommene Geste. Die Auflösung setzte sich fort, und mit ihr die Sorge um das Mahnmal selbst, einen Ort, der bereits durch Zerstörung geprägt ist, nun konfrontiert mit anderen Spuren der „Beschädigung“. Was darf an einem solchen Ort bewahrt oder gepflegt werden, und welche Art des Alterns ist erlaubt?
Etwas zwischen dem Schiff des Theseus und einer Vitrine. Im Keller führten hohe Luftfeuchtigkeit und niedrige Temperaturen dazu, dass die Skulptur zu schwitzen begann, wodurch Feuchtigkeit auf das Glycerin und den Boden darunter gelangte — mit der Gefahr von Schimmelbildung. Nach weiteren Verhandlungen wurde vereinbart, die Glycerinform vollständig aus der Ausstellung zu entfernen, um weiteren Schaden am Ort zu verhindern; dieser Ort hat bereits genug ertragen.
INTERCEPTION / CIRCULATION
Als schließlich vereinbart wurde, dass die Glycerin-Skulptur von ihrem ursprünglichen Standort entfernt werden sollte, da sie als Gefahr für den Ort eingestuft worden war, griff der Künstler Arjun Panayal unter seiner fiktiven Firma കുവെകുവ (Kuvekuva) ein. Kuvekuva ist ein Unternehmen, das als eine Art kulturelle Notfalleinheit agiert, die künstlerische Unterstützung leistet.
Das Unternehmen rettete so viel des ausrangierten Materials wie möglich aus den 62 Kilogramm, schmolz und formte das Glycerin zu 580 Stück Handseife um. Neu materialisiert, werden diese von Hand geschnittenen, gepressten und verpackten Überreste als Geschenke an Besucher der Ausstellung verteilt — nicht länger eine Skulptur, sondern ein Verbrauchsgut, dazu bestimmt, benutzt zu werden, zu schäumen, zu reinigen, in Abflüssen zu verschwinden, aus Waschbecken in der ganzen Stadt zu fließen. Wir laden Sie ein, ein Stück Seife mitzunehmen und The Chain Reaction fortzusetzen, damit das, was dem Ort entzogen wurde, zurück in den Kreislauf gelangt. Wie schon bei der Erfindung des Dynamits, und wie schon im bisherigen Verlauf dieses Kunstwerks, liegt auch das, was dieser Geste folgt, jenseits jeder Voraussicht oder Kontrolle.
Mark Morris, geboren 1992 in Teluk Intan, lebt und arbeitet in Hamburg.
Präsentiert mit Unterstützung der Hamburgischen Kulturstiftung.
Archivzugang & historischer Kontext bereitgestellt von Ulrike Neidhöfer, Förderkreis Industriemuseum Geesthacht e.V.
Technik- und Präzisionszauberer, Michael Dachselt
Dreidimensionale, konzeptionelle & moralische Unterstützung von
Arjun Panayal
Mor Afgin
Natalya Stupka
Peter Lampe
Swaantje Benson
Tewprai Bualoi
Mark Morris
The Chain Reaction
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Mark Morris, The Chain Reaction, 2026 © Daria Kulnina
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Mark Morris, The Chain Reaction, 2026 © Daria Kulnina
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Mark Morris, The Chain Reaction, 2026 © Daria Kulnina
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Dynamitefabrik in Geesthacht, Foto 1916 © Förderkreis Industriemuseum Geesthacht e.V., Sammlung Karl Gruber
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Mark Morris vor dem Kunstwerk The Chain Reaction, 2026 © Daria Kulnina
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Mark Morris vor dem Kunstwerk The Chain Reaction, 2026 © Daria Kulnina
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Mark Morris, The Chain Reaction, 2026 © Daria Kulnina
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Mark Morris, The Chain Reaction, 2026 © Mark Morris
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Mark Morris, The Chain Reaction, 2026 © Mark Morris
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Mark Morris, The Chain Reaction, 2026 © Mark Morris
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Arjun Panayal & Mark Morris, The Chain Reaction / കുവെകുവ (Kuvekuva), 2026 © Foto: Maximilian Glas
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Arjun Panayal & Mark Morris, The Chain Reaction / കുവെകുവ (Kuvekuva), 2026 © Foto: Maximilian Glas
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Arjun Panayal & Mark Morris, The Chain Reaction / കുവെകുവ (Kuvekuva), 2026 © Foto: Maximilian Glas
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Arjun Panayal & Mark Morris, The Chain Reaction / കുവെകുവ (Kuvekuva), 2026 © Foto: Maximilian Glas
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Arjun Panayal & Mark Morris, The Chain Reaction / കുവെകുവ (Kuvekuva), 2026 © Foto: Maximilian Glas
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Arjun Panayal & Mark Morris, The Chain Reaction / കുവെകുവ (Kuvekuva), 2026 © Foto: Maximilian Glas
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Arjun Panayal & Mark Morris, The Chain Reaction / കുവെകുവ (Kuvekuva), 2026 © Foto: Maximilian Glas
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