Glossar

Zeitgenossenschaft

Der Begriff der Zeitgenossenschaft, wie auch das verwandte „zeitgenössisch“, wird in künstlerischen Zusammenhängen als ein Gegenentwurf zu modernen und modernistischen Idealen verwendet. Während sich aber das Zeitgenössische dem allgemeinen Verständnis nach auch auf eine Zeitspanne bezieht, die uns näher ist, als die Moderne, befasst sich die Zeitgenossenschaft nicht mehr mit der teleologischen Beziehung, die bei solchen temporalen Gefügen weiterhin tendenziell impliziert ist. Die Zeitgenossenschaft lässt stattdessen eine horizontale Ausdehnung von Praktiken zu, die sich unter verschiedenen Umständen entwickelt haben und alle als gleichwertige Ausdrucksweisen der zeitgenössischen Gesellschaft gelten. Während die Moderne immer noch dem Primat eines westlichen kulturellen Standpunktes und dessen allgemeiner Anziehungskraft verpflichtet ist, erlaubt der Begriff der Zeitgenossenschaft, dass nicht-westliche künstlerische Praktiken und Diskurse als gleichwertige Beiträge zur zeitgenössischen Kunstwelt angesehen werden. Wie Zdenka Badovinac hervorhebt, wird mit diesem Begriff anerkannt, dass es unter den Bedingungen eines globalen Austauschs eine legitime Grundlage für gemeinsame Erfahrungen gibt, welche auch den Boden bereiten für transkulturelle Diskussionen über solche Wissensformen, die im traditionellen modernistischen Rahmen nicht greifbar werden; es eröffnet sich hier ein Raum, der trotz der Beteiligung mehrerer und unterschiedlicher kultureller und historischer Bezugssysteme einen diskursiven Austausch möglich macht.[1] So erklärt Juliane Rebentisch, zeitgenössisch zu sein, „wäre folglich viel mehr, als die eigene Einbindung in die chronologische Zeit. Im Gegenteil: Um der eigenen Zeit treu zu sein, um ein guter Zeitgenosse zu sein, müsste man bestimmte Diskontinuitäten in das Kontinuum der chronologischen Zeit einbringen.“[2]

[1] Zdenka Badovinac, Contemporaneity as Points of Connection, in: e-flux journal 11 (Dezember 2009). [Read online]
[2] Juliane Rebentisch, The Contemporaneity of Contemporary Art, in: New German Critique 124, Jg. 42 Heft 1 (Februar 2015), S. 229.

Autor: Behzad Khosravi Noori | Übersetzung von Leo Kennedy-Unglaub