Über das Deserteursdenkmal in Hamburg. [1]
Das Hamburger Denkmal für Deserteure und andere Opfer der NS-Justiz (oft auch einfach Deserteursdenkmal genannt) befindet sich an einem belebten Ort der Stadt - neben dem U-Bahn-Ausgang Stephansplatz und gegenüber dem Eingang zur Parklandschaft Planten un Blomen. Nur wenige Schritte vom Denkmal entfernt liegt der Dammtor-Bahnhof und dahinter der Campus der Universität Hamburg, einer der größten des Landes. Tausende Menschen gehen täglich am Denkmal vorbei, aber nicht jede:r hat im Alltag Zeit, dem Denkmal Aufmerksamkeit zu schenken und seine Bedeutung wahrzunehmen. Außerdem ist das Deserteursdenkmal recht neu - es wurde vor 10 Jahren, im Jahr 2015, zwischen zwei anderen Denkmälern aufgestellt. Selbst Alteingesessene sind manchmal verwirrt, wenn sie versuchen zu verstehen, wo genau der neue Gedenkort am Dammtor errichtet wurde. Betritt man das Denkmal, kann man nach einer Weile aus einem Lautsprecher eine nachdenkliche Stimme hören, die längst vergessene Namen vorliest. In diesem Moment, in dem der Lärm der Stadt ausgeblendet wird, entsteht an diesem Ort eine Atmosphäre des zivilen Gedenkens an Menschen, die Opfer eines ungerechten Prozesses waren. [2]
Das Hamburger Deserteursdenkmal ist das größte Denkmal seiner Art in Deutschland und wohl auch das Bekannteste. Und dies nicht nur wegen seiner Größe und Bedeutung, sondern sicherlich auch wegen Ludwig Baumann (1921-2018), einem Wehrmachtdeserteur aus Hamburg, der sich aktiv an der Kampagne zur Rehabilitierung von Deserteuren beteiligte und damit die Idee des Denkmals überhaupt erst ermöglichte, so dass der Ort untrennbar mit ihm verbunden bleibt. Ein Grund für die spärliche öffentliche Erinnerung an Deserteure ist, dass ein Staat in der Regel kein Interesse an dieser hat. Und das stimmt selbst für die Erinnerung an die Armeen des nationalsozialistischen Deutschlands: Obwohl das Dritte Reich den Krieg verloren hatte und die NS-Ideologen in den Nürnberger Prozessen teilweise als Kriegsverbrecher verurteilt worden waren, galten Deserteure in Westdeutschland jahrzehntelang nur als „Feiglinge und Verräter“. [3] Die Deserteure wurden nicht als Opfer des NS-Justiz (bis 2002) rehabilitiert, d.h. sie hatten auch keinen Anspruch auf Entschädigung. Sie wurden aber auch nicht als Widerstandskämpfer gegen Nationalsozialismus geehrt, die mit ihrem Leben für das Ende des Zweiten Weltkrieges und das Ende des verbrecherischsten und blutigsten Regimes in Europa bezahlt haben. Ein Grund für diese Ungerechtigkeit ist, dass viele der Richter, die die Deserteure während der NS-Zeit verurteilten, nach dem Krieg ihre Karrieren fortsetzen konnten und so die bundesdeutsche Nachkriegsjustiz von innen behinderten. Dies widerspricht offensichtlich der Idee der so genannten Stunde Null, die den unbedingten historischen Bruch zwischen dem Nationalsozialismus und Nachkriegsdeutschland ab dem 8. Mai 1945 markieren soll. Die Karriere des Marinerichters Hans Filbinger (1913-2007) zeigt beispielhaft, dass die NS-Ideologie und NS-Gedankengut auch nach der Kapitulation weiterwirkten. Filbinger war Mitglied der NSDAP und verhängte Todesurteile gegen Deserteure. Nach dem Krieg stieg er zum Ministerpräsidenten von Baden-Württemberg auf, wurde aber nach einer journalistischen Recherche über seine NS-Verstrickungen zum Rücktritt gezwungen.
Dass Deserteure weiterhin stigmatisiert wurden, lag sicher nicht nur an den Nachwirkungen der NS-Vergangenheit, sondern auch im Beginn des Kalten Krieges und der Wiederbewaffnung der BRD durch die Gründung der Bundeswehr und ihrem Beitritt zur NATO im Jahr 1955. Bis in die 1980er Jahre waren Fahnenflucht und Deserteure ein Tabuthema. [4] Erst nach der deutschen Wiedervereinigung 1989 und dem Abzug der sowjetischen Truppen bis 1994 wurde der Zweite Weltkrieg 1997 vom Deutschen Bundestag als verbrecherischer Vernichtungskrieg anerkannt. Das offizielle Schuldeingeständnis wiederum ermöglichte die Rehabilitierung von Deserteuren und damit die Aufarbeitung der Verbrechen der Wehrmacht, die im Gegensatz zu den SS-Einheiten lange Zeit als unschuldig galt. [5] In diese Zeit fällt auch die Wanderausstellung Vernichtungskrieg. Verbrechen der Wehrmacht 1941-1944 des Hamburger Instituts für Sozialforschung, die viel Aufsehen erregte und auf Druck der „Öffentlichkeit“ zunächst geschlossen und dann in überarbeiteter Form wiedereröffnet wurde. [6]
In Hamburg gibt es Orte, die historisch mit der Verfolgung von Deserteuren verbunden sind und an denen ebenfalls Gedenktafeln errichtet wurden. [7] Eine Viertelstunde Fußweg vom Deserteursdenkmal am Dammtor entfernt befindet sich in einem Park eine kleine Gedenkstätte vor dem noch aktiven Untersuchungsgefängnis (UHA Hamburg) am Holstenglacis, in dem während des Krieges etwa 500 Gegner:innen des NS-Regimes durch Enthauptung hingerichtet wurden. Gedenktafeln an der Außenwand des Gefängnisses erinnern an zwei Widerstandskämpferinnen aus Frankreich und vier katholische Priester aus Lübeck. In der Nähe befindet sich eine Tafel mit Informationen über die hingerichteten Deserteure, deren Zahl auf 59 geschätzt wird. Weitere Orte in der Stadt, die mit Deserteuren in Verbindung gebracht werden, sind das Generalkommando der Wehrmacht in der Sophienterrasse 14, der Standortschießplatz am Höltigbaum in Hamburg-Rahlsted, das Gräberfeld deutscher Soldaten auf dem Ohlsdorf Friedhof, das Gefängnis in Altona, die ehemaligen Kasernen in Eimsbüttel und schließlich die Militärgerichte in der Manteuffelstraße und am Ballindamm.
Insgesamt wurden in Hamburg nach offiziellen Angaben 227 Männer von den rund 23.000 Deserteuren in ganz Deutschland hingerichtet. [8] Diese Statistik ist jedoch unvollständig: Nicht berücksichtigt sind die Gefallenen der Strafbataillone sowie die vor Standgerichten verurteilten Soldaten und Offiziere [9], dies vor allem in den letzten Kriegswochen, als Desertion weit verbreitet war.
Ein Gegenmonument
Das Deserteursdenkmal befindet sich zwischen zwei anderen Denkmälern. Das eine ist dem 76.Infanterieregiment „Hamburg“ gewidmet und wurde nach der NS-Machtübernahme im Jahr 1936 vom Bildhauer Richard Kuöhl (1880-1961) errichtet. Das Denkmal hat zwei inoffizielle Namen: Der eine ist Kriegsklotz - kritisch gemeint, der andere ist Kriegerdenkmal, was allerdings allzu affirmativ scheint und die konkrete Verbindung mit der NS-Ideologie und Militarismus nicht berücksichtigt. Das 76-er Denkmal zieht mit seiner konservativen, militaristischen Ästhetik immer noch die Aufmerksamkeit auf sich. Dieses Denkmal steht heute für die Soldaten der beiden Weltkriege zur gleichen Zeit. Denn nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges kamen zwei weitere Gedenktafeln hinzu. [10] Eine davon, die 1959 aufgestellt wurde, ist der 225.Infanteriedivision gewidmet. Diese Division nahm an der Blockade von Leningrad teil. [11] Die andere Tafel wurde 1958 eingeweiht und ist dem 76. Panzergrenadierregiment gewidmet, das ebenfalls an der Ostfront auf dem Gebiet des heutigen Russlands, der Ukraine und Belarus kämpfte. [12] Diese Tafeln verweisen also beide gewissermaßen direkt und positiv auf den Kontext des „Vernichtungskrieges“, den die Wehrmacht an der Ostfront führte.
Das Denkmal ist seit langem ein Stein des Anstoßes bei Auseinandersetzungen zwischen Kriegsgegner:innen und konservativen Kreisen. In der Nachkriegszeit wurde vorgeschlagen, das Denkmal abzureißen, [13] später zumindest die Hauptbotschaft, also die Inschrift „Deutschland muss leben und wenn wir sterben müssen“, zu entfernen. Nachdem all dies keinen politischen Erfolg hatte, wurde das Denkmal zum Schauplatz direkter Aktionen von Aktivist:innen, die in aktualisierter Form auch heute noch stattfinden. So hängten Reservisten der Bundeswehr 1981 an dem 76-er Denkmal ein Banner mit der Aufschrift „Heldentod ohne uns“ auf. [14] (Es waren noch genau 30 Jahre bis zur Aussetzung der allgemeinen Wehrpflicht in Deutschland im Jahr 2011).
Als Gegengewicht zum 76-er Denkmal wurde im Jahr 1986 in direkter Nachbarschaft ein aufgrund seiner Verallgemeinerung von Kriegsleid nicht unumstrittenes Gegendenkmal von Alfred Hrdlicka (1928-2009) errichtet. [15] Es blieb unvollendet und besteht in seiner materiell existierenden Form aus zwei Teilen: Hamburger Feuersturm und Fluchtgruppe Cap Arcona. Der eine Teil symbolisiert die Folgen der Operation Gomorrha, als Hamburg einem der zerstörerischsten und tödlichsten Bombenangriffe des Zweiten Weltkriegs ausgesetzt war, der andere Teil erzählt die Todesgeschichte der Häftlinge des KZ-Neuengamme auf dem Gefängnisschiff Cap Arcona, welches in den letzten Kriegstagen am 3. Mai 1945 irrtümlicherweise von britischen Flugzeugen in der Lübecker Bucht versenkt wurde. Die zwei anderen Teile des Denkmals wurden wegen finanzieller Unstimmigkeiten zwischen der Stadt und dem Bildhauer nie fertiggestellt. Das Gegendenkmal, das in beträchtlicher Entfernung von dem 76-er Denkmal aufgestellt wurde, hat es nie geschafft, seine Dominanz im Stadtbild zu brechen. Der große Abstand zwischen den Denkmälern ist auch darauf zurückzuführen, dass zwischen ihnen ein U-Bahn-Tunnel verläuft und es nicht möglich ist, in diesem Bereich schwere Konstruktionen zu errichten.
Im Jahr 2010 wurde das Bündnis Hamburger Deserteursdenkmal gegründet, dem mehr als 20 lokale antifaschistische und Antikriegsvereine angehören. Der Verein erreichte, dass das Denkmal genau dort errichtet wurde, wo es jetzt steht, und organisiert seit seiner Gründung jährlich Antikriegsfeiern und -aktionen vor den Denkmälern auf dem Stephansplatz. Eine der wichtigsten Botschaften der Mitglieder der Vereinigung, die in ihrem Flyer abgedruckt ist, lautet: „Deserteure sind keine Kriminellen, Krieg ist das Verbrechen“. [16] Ihre Art von Visitenkarte zeigt die marschierenden Soldaten des 76.Regiments, während der Umriss des Deserteurs einen Schritt in die entgegengesetzte Richtung macht, was seinen Widerstand gegen die Soldatenkameradschaft symbolisiert. Das verborgene Motiv des einsamen Soldaten, der sich der Masse der marschierenden Kolonnen entgegenstellt, findet sich auch im Deserteursdenkmal wieder, wenn man es aus einem bestimmten Blickwinkel betrachtet: Der Spalt zwischen dem Gitter und der Betonwand des Deserteursdenkmals wird zu einem Rahmen, der einen einzelnen Soldaten aus dem Relief der marschierenden Soldaten des 76-er Denkmals herausschneidet und gleichzeitig alle anderen verdeckt. Hinter diesem Bild steht die Vorstellung, dass die Desertion in erster Linie eine persönliche und bewusste Entscheidung jedes einzelnen Soldaten ist. Wobei die Aussage, dass Desertion immer die Entscheidung einer Einzelperson ist, auch in Frage gestellt werden kann. Schon im Fall von Ludwig Baumann wird diese Regel nicht bestätigt: Er floh zusammen mit seinem Freund Kurt Oldenburg (1922-1945), der später in einem Gefecht an der Ostfront starb.
Schließlich beschloss die Hamburger Bürgerschaft im Jahr 2012 auf Druck der Zivilgesellschaft in der Stadt, Gedenkstätten für Deserteure und andere Opfer der NS-Justiz zu schaffen. Gemäß den Wettbewerbsbedingungen der Hamburger Kulturbehörde musste sich das Deserteursdenkmal in irgendeiner Weise mit dem 76-er Denkmal auseinandersetzen. [17] Im Allgemeinen verstanden die Autor:innen der meisten Projekte die Aufgabenstellung wörtlich. Elemente ihrer Projekte interagierten auf die eine oder andere Weise direkt mit dem 76-er Denkmal, indem sie es blockierten und/oder durch neue Konstruktionen ergänzten. Der Siegerentwurf stammt jedoch von dem Bildhauer Volker Lang, der nicht versuchte, das Denkmal visuell zu blockieren oder zu ergänzen. Lang wählte erneut eine Strategie der Opposition, ähnlich wie bei Hrdlickas Gegendenkmal, verbunden mit einem distanzierten Kommentar zum 76-er Denkmal und einem differenzierteren Ansatz zur Entstigmatisierung der Deserteure und ihres Gedenkens.
Das Deserteursdenkmal dient nach Ansicht des Künstlers auch als eine Art Vermittler zwischen den beiden bereits bestehenden Denkmälern. [18] Langs Denkmal besteht aus verschiedenen Elementen und kann auf mehreren Ebenen verstanden werden: Es ist ein dreieckiger Baukörper mit einer monolithischen Zickzackwand aus Beton und zwei Textgittern aus Metall. In die Betonwand ist eine Klanginstallation eingelassen. Der Ton wird aktiviert, wenn ein:e Besucher:in das Denkmal betritt und einen Knopf auf dem Bedienfeld drückt. Der erste Knopf bringt eine Aufnahme eines Textes des Avantgarde-Dichters Helmut Heißenbüttel (1921-1996) mit dem Titel Deutschland 1944 zum Abspielen, eine Collage von Zitaten der NS-Täter. Der Autor wollte mit diesem Text einen Einblick in die Brutalität des Vernichtungskrieges geben. Auch die Gitter wiederholen ein Fragment dieses Textes. Eines davon ist von innen und das andere von außen lesbar. Die verbleibenden sechs Knöpfe enthalten eine alphabetische Auflistung der Namen von hingerichteten Deserteuren und anderen Opfern der NS-Justiz mit kurzen Informationen über die Person: Geburtsdatum, Alter, militärischer Beruf und Art der Hinrichtung. Auf diese Weise werden das performative Benennen und Erinnern an die Opfer der „blutigen Justiz“ und ihrer Anonymität und ihrem Vergessen kontrastiert.
Die visuelle Konfrontation zwischen dem Deserteursdenkmal und dem 76-er Denkmal findet vor allem auf formaler Ebene statt. Das 76-er Denkmal ist ein schweres, rechteckiges Steinbauwerk, das militärische und nationale Einheit symbolisiert, während das Deserteursdenkmal dank seines Schriftgitters durchschaubar und leicht wirkt. Bewusst stellt es dem „Klotz“ eine Dreiecksform entgegen. Die Geometrien in seinem Monument verweisen auf die avantgardistische Propagandatradition der gegenstandslosen Kunst. Beispiele dafür sind das Plakat Mit dem roten Keil schlage die Weißen von El Lissitsky (1890-1941) und das Denkmal Roter Keil des Architekten Nikolai Kolli (1894-1966). In beiden Werken ist das mit den „Roten“ assoziierte Dreieck auf den Kreis oder das Rechteck der „Weißen“ gerichtet. Obwohl sich das Dreieck des Deserteursdenkmals mit seiner Spitze nicht direkt in das Rechteck des 76er-Denkmals teilt oder hineinragt, wirkt diese Assoziation auf formal-architektonischer Ebene weiter.
Der Form des Dreiecks wird manchmal eine andere Bedeutung zugeschrieben. Das rote Dreieck mit der Spitze nach oben war das Erkennungszeichen von inhaftierten Wehrmachtssoldaten in Konzentrationslagern - den sogenannten SAW-Häftlingen. [19] Zu diesen Häftlingen gehörten „wehrunwürdige“ Soldaten, die sich Vergehen und Straftaten unterschiedlichen Grades zuschulden kommen ließen. SAW-Häftlinge und Deserteure sind jedoch unterschiedliche Häftlingskategorien, auch wenn sie sich überschneiden. Informationen über eine besondere Kennzeichnung für Deserteure oder die Bedeutung der SAW-Kennzeichnung für das Denkmal liegen mir derzeit nicht vor. Stephanie Endlich schreibt über die Komplexität der Widmung des Denkmals. Auf der Liste der Opfer der NS-Justiz standen die wegen Desertion, Wehrkraftzersetzung, Befehlsverweigerung und aktivem Widerstand Verurteilten, und das waren ganz unterschiedliche Menschen: Soldaten und jene Zivilist:innen, die ihnen geholfen hatten, darunter auch Widerstandskämpferinnen. [20]
Eine andere Form der Interaktion zwischen den beiden Denkmälern findet durch Licht und Schatten statt, die aus dem Gitter fallen. Tagsüber wird der Schatten für einige Zeit ins Innere des Denkmals auf die Betonwand projiziert, wo sich neben der Knopfleiste auch Texte befinden, die über die Bedeutung des Denkmals informieren. Und abends wirft die Hintergrundbeleuchtung des Denkmals einen Schatten auch nach außen auf das 76-er Denkmal, auf der Heißenbüttels Text erscheint, und dessen weiße Fläche gewissermaßen als Projektionsfläche so eine neue Bedeutung bekommt.
Die Motivation zur Desertion und die Grausamkeit des Krieges spielen in der Idee des Denkmals eine entscheidende Rolle und stehen in Übereinstimmung mit der Idee von Ludwig Baumann, der das Recht zur Desertion während des Krieges verteidigte. Seine Flucht war ein Protest gegen die Grausamkeit und Absurdität des Krieges. [21] Die politische Reflexion kam erst viel später. Baumann desertierte in Frankreich, wurde gefasst und wurde zunächst im KZ- Esterwegen im Emsland (Niedersachsen) inhaftiert und anschließend in das Wehrmachtsgefängnis Torgau in Sachsen überführt. Er überlebte nur dank der Beziehungen seines Vaters, der eine Umwandlung seiner Todesstrafe in einen Dienst in einem Strafbataillon an der Ostfront erwirken konnte. [22] In den 1980er Jahren organisierte Baumann zusammen mit dem Historiker Manfred Messerschmidt (1922-2022) die Bundesvereinigung Opfer der NS-Militärjustiz, die zu einer treibenden Kraft im Kampf um die Rehabilitierung der Deserteure wurde. Die offizielle Rehabilitierung erfolgte im Jahr 2009. Ludwig Baumann wurde zu einem prominenten Antikriegsaktivisten, schloss sich der westdeutschen Friedens- und Abrüstungsbewegung an und erhielt 1995 den Aachener Friedenspreis. Im Jahr 1996 wurde er für den Nobelpreis nominiert, den er zwar nicht erhielt, aber dank seiner Nominierung konnte er die Aufmerksamkeit auf den Potsdamer Appell lenken, der die Aufhebung aller NS-Unrechtsurteile forderte. [23] Derzeit gibt es in Hamburg die Initiativgruppe Sedanstraße umbenennen!, die sich dafür einsetzt, dass die nach der Kapitulation der französischen Truppen bei Sedan (1871) benannte Straße in Ludwig-Baumann-Straße umbenannt wird. [24]
Das Thema der strafrechtlichen Verfolgung von Desertion und Wehrdienstverweigerung ist heute in vielen Ländern der Welt, in denen es bewaffnete Konflikte oder eine allgemeine Wehrpflicht gibt, sehr aktuell geworden. Das Recht, aus Gewissensgründen nicht zu den Waffen zu greifen, ist in den Beschlüssen der UN-Menschenrechtskommission verankert. Deshalb wird das Recht von Deserteuren auf Asyl in Deutschland von einigen Nichtregierungsorganisationen unterstützt, wie z.B. von der Organisation für Deserteure und Kriegsdienstverweigerer Connection e.V. [25] und der Menschenrechtorganisation Pro Asyl. [26]
Obwohl das Deserteursdenkmal offiziell an die Wehrmachtsdeserteure erinnert, wird das Denkmal für viele Kriegsgegner:innen und Aktivist:innen mit der Figur des bewussten Deserteurs im Allgemeinen und der Hoffnung auf ein gerechtes Verfahren identifiziert. Im Jahr 2023 versammelten sich russländische oppositionelle Aktivist:innen am Deserteursdenkmal, um die Forderung nach Schutz und Asyl für Deserteure in Deutschland zu unterstützen. Im Jahr 2024 fanden vor dem Denkmal Führungen zum 29. Februar - dem Tag des Deserteurs statt, der vom Antikriegsprojekt Idite Lesom vorgeschlagen wurde. Das Projekt kämpft darum, russländische Deserteure, die sich nicht an der Aggression gegen die Ukraine beteiligen wollten, zu entstigmatisieren. In diesem Sinne könnte Ludwig Baumans Idee vom Recht des Deserteurs, „den Krieg zu verraten“, bei vielen Menschen, die sich gegen Kriegstötungen und Kriegsverbrechen wehren, noch weiter Anklang finden.
[1] Dieser Text wurde aus dem Russischen übersetzt. “Героическая смерть без нас“. О памятнике дезертирам в Гамбурге, Memorial, 22.07.2024. https://memo.site/ru/deserter_memorial_hamburg (Stand 17.03.2025)
[2] Anmerkung des Autors: Am 17. Mai 2002 beschließt der Bundestag die Aufhebung aller NS- Unrechtsurteile gegen Deserteure und Homosexuelle. https://www.bundestag.de/webarchiv/textarchiv/2012/39010668_kw20_kalender_17mai2002-208558 (Stand 14.03.2025)
[3] Vgl. Der Kampf um Rehabilitierung, in: Deserteure und andere Verfolgte der NS-Militärjustiz: Die Wehrmachtgerichtsbarkeit in Hamburg. Texte, Fotos und Dokumente, Detlef Garbe(Hg.), Hamburg, 2013, S.60.
[4] Vgl. Dräger, Marco: Denkmäler für Deserteure. Ein Überblick über ihren Einzug in die Erinnerungskultur, Wiesbaden, 2018, S.2, 7.
[5] Neben dem Deserteursdenkmal und dem Gegendenkmal wurden zwei identische Betonplatten mit folgender Botschaft aufgestellt: „Der Zweite Weltkrieg war ein Angriffs- und Vernichtungskrieg ein vom nationalsozialistischen Deutschland verschuldetes Verbrechen. Deutscher Bundestag Beschluss vom 15.Mai 1997“.
[6] Anmerkung des Autors: Die Ausstellung wurde von Anfang an von einigen politischen Kreisen kontrovers wahrgenommen. Hauptgegner der Ausstellung waren rechtsextreme deutsche Gruppierungen. Die Ablehnung der Ausstellung kam aber auch sowohl von Wehrmachts- und Vertriebenenverbänden als auch von einigen konservativen Politiker:innen, wie Ludwig Scholz oder Manfred Brunner.
[7] Gedenkort für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz zwischen Stephansplatz und Dammtor, Kulturbehörde Hamburg; Landeszentrale für politische Bildung (Hg.), Hamburg, 2015. https://epub.sub.uni-hamburg.de/epub/volltexte/2016/50412/pdf/gedenkort_fuer_deserteure_broschuere.pdf (Stand: 20.02.2025)
[8] Vgl. Detlef Garbe (Hg.), 2013, S. 11.
[9] Vgl. Manfred Messerschmidt; Fritz Wüllner: Die Wehrmachtjustiz im Dienst des Nationalsozialismus:Zerstörung einer Legende, Baden-Baden, 1987, S. 86.
[10] Vgl. Hedinger, Bärbel; Jaeger, Roland; Meißner, Brigitte; Schütt, Jutta; Tittel, Lutz; Walden, Hans: Ein Kriegsdenkmal in Hamburg, Hamburg, 1979, S. 4, 51.
[11] Sehen Sie die Bilder und Karten aus dem Buch: Walter Miehe: „Der Weg der 225. Infanterie-Division“, hrsg.: Kameradenhilfswerk 225 e.V., Verlag Klaus D. Patzwall, Hamburg, 1980. Seit 2024 betrachtet die russländische Regierung die Blockade von Leningrad als einen Akt des Völkermords am sowjetischen Volk.
[12] Anmerkung des Autors: Die Existenz dieser beiden Tafeln im Stadtzentrum lässt darauf schließen, dass die Geschichte der Wehrmacht bis heute unerforscht ist und nicht aufarbeitet. Die Kampfbeteiligung dieser Militärverbände fand dort statt, wo Massenverbrechen an der Zivilbevölkerung begangen wurden, darunter die Erschießung der jüdischen Bevölkerung, die als „Holocaust durch Kugeln“ bezeichnet wird.
[13] Der Vorschlag wurde von dem Bildhauer Kurt Bauer in der „Hamburger Freien Presse“ gemacht. Vgl. Hedinger, 1979, S. 50.
[14] Vgl. Neumann, Arndt: Gegendenkmäle. Umstrittene Kriegserinnerungen, in: Alexandra Przyrembel, Claudia Scheel (Hg.), Europa und Erinnerung. Erinnerungsorte und Medien im 19. und 20. Jahrhundert, Bielefeld, 2019, S. 217.
[15] Vgl. Uhl, Heidemarie: Aus dem Lot. Denkmäler und reflexive Erinnerungskultur, in: Arbeitskreis zur Umgestaltung des Lueger-Denkmals in ein Mahnmal gegen Antisemitismus und Rassismus (Hg.), Open Call: Handbuch zur Umgestaltung des Lueger-Denkmals, Wien 2011, S. 38-44.
[16] „Den Opfern der Wehrmachtsgerichte einen Erinnerungsort schaffen!“ http://niqolas.de/feindbeguenstigung.de/flyer11.pdf (Stand: 21.02.25)
[17] „Die künstlerische Auseinandersetzung im inhaltlichen und räumlichen Kontext zwischen 76er Kriegerdenkmal und Gegendenkmal konnte auf unterschiedliche Weise geführt werden, zum Beispiel im Sinne einer kritischen Konfrontation, einer Kommentierung, eines wirksamen Kontrastes oder einer dialogischen Bezugnahme. Möglich war dabei auch ein Beitrag zu einer Neufassung des inhaltlichen und räumlichen Kontextes“. Gedenkort für Deserteure und andere Opfer der NS-Militärjustiz Nichtoffener Gestaltungswettbewerb. Auslobung, Kulturbehörde Hamburg (Hg.), 2013, S. 38.
[18] Für Frieden und Völkerverständigung: Von der Sedanstraße zur Ludwig-Baumann-Straße, YouTube-Kanal „Sedanstraße umbenennen!“, 28.03.2024. https://youtu.be/z2f6VqVFA7Q?si=4tPyR4h3gsUExdih (Stand: 21.02.25)
[19] Vgl. Hans-Peter Klausch: Die Häftlingskategorie „Somderaktion Wehrmacht“ (SAW) im KZ- Neuengammen, in: „Rücksichten auf den Einzelnen haben zurückzutreten.“ Hamburg und die Wehrmachjustiz im Zweiten Weltkrieg, Claudia Bade (Hg.), Hamburg, S. 169.
[20] Vgl. Stefanie Endlich: Der Wettbewerb für ein Deserteursdenkmal in Hamburg, in: Claudia Bade (Hg.) „Rücksichten auf den Einzelnen haben zurückzutreten“. Hamburg und die Wehrmachtjustiz im Zweiten Weltkrieg , Hamburg, 2019, S.306.[21] Vgl. Ludwig Baumann: Ein Kampf um Würde. Die Bundesvereinigung „Opfer der NS-Militärejustiz“, in: Joachim Perels, Wolfram Wette (Hg.), Mit Reinem Gewissen. Wehrmachtrichter in der Bundesrepublik und ihre Opfer, Berlin, 2011, S. 326.
[22] Vgl. Ebd.,S.326-328.
[23] „Friedens-Nobelpreis für Ludwig Baumann“ http://ludwigbaumann.de/appell/index.html (Stand: 09.02.2025)
[24] Hintergrund: Für Frieden und Völkerverständigung: Sedanstraße umbenennen! https://sedanstrasse-umbenennen.de/fuer-frieden-und-voelkerverstaendigung-sedanstrasse-umbenennen/ (Stand: 09.02.2025)
[25] 2 Years after Partial Mobilisation: still no Asylum for Russian Conscientious Objectors, Press Release, 20.09.2024. https://de.connection-ev.org/article-4252 (Stand: 09.02.2025)
[26] Kaum Schutz für Russinnen und Russen, die sich dem Krieg verweigern, proasyl.de, 21.02.2024. https://www.proasyl.de/news/kaum-schutz-fuer-russinnen-und-russen-die-sich-dem-krieg-verweigern/ (Stand: 09.02.2025)