Hamburg als „Tor zur Welt“ war intensiv in den kolonialen Handel verstrickt und profitierte in der Kolonialzeit von Ausbeutungsverhältnissen. Diese Verschränkung wird am Baakenhafen besonders deutlich – und ist dort trotzdem auf ganz besondere Art unsichtbar. Denn der Baakenhafen in Hamburg – von dem vor 130 Jahren tausende von Soldaten unter Leitung des Generals Lothar von Trotha in den Einsatz zu einer sogenannten „Strafaktionen“ in den ehemaligen Deutschen Kolonien aufgebrochen sind, und in dessen Folge ein Völkermord im heutigen Namibia verübt wurde – existiert als wichtiger postkolonialer Denkmalort bislang überhaupt noch nicht. Er ist ein Beispiel für einen Ort, wo bislang Erinnerungskultur gänzlich fehlt und völlig unterentwickelt ist, obwohl er die „logistische Drehscheibe für den ersten Genozid des 20. Jahrhunderts“ (Jürgen Zimmerer) [1], den Völkermord an den Herero und Nama darstellt: „Am Hamburger Baakenhafen liefen die Woermann-Dampfer aus und transportierten Soldaten, Waffen, Munition und Pferde nach Swakopmund (Namibia),“ (Anke Schwarzer) [2]. Am südlichen Ufer des Baakenhafens – dem Petersenkai – konzentrierten sich Hamburger Reedereien, die Schiffslinien rund um den afrikanischen Kontinent betrieben. Es waren hanseatische Kaufleute wie der „Übersee-Kaufmann“ Adolph Woermann (1847-1911), die ein großes Interesse daran hatten, Handelsniederlassungen zu gründen. Im Deutschen Reich kamen die kolonialen Bestrebungen aus der Wirtschaft heraus. Nach 1871 war (laut des Historikers Manfred Görtemaker) die Reichsregierung selbst zunächst keine aktive Befürworterin der Kolonialpolitik, es waren Hamburger Unternehmer, die 1904 das Kaiserreich um „Schutz“ baten. In einem Aufstand der Herero am 11. Januar 1904 hatten diese sich gegen das massive Unrecht, das ihnen Siedler und Kolonialsoldaten zufügten, erhoben. Die deutschen Siedler beanspruchten große Landflächen und die fruchtbarsten Weideplätze, zogen Zäune um Wasserstellen. Da die „Schutztruppe“ anfangs zahlenmäßig zu schwach war, um die Aufständischen zu unterwerfen entsandte Berlin einen zu jeder Grausamkeit entschlossenen Kommandanten, der die Vernichtung der Herero befahl: Lothar von Trotha, der am 2. Oktober 1904 einen „Vernichtungsbefehl“ erließ. Unter seiner Führung wurden die Herero bei der Schlacht am Waterberg geschlagen und flohen in die Trockensavanne der Omaheke. Die Deutschen verjagten sie von den wenigen umliegenden Wasserstellen, Zehntausende verdursteten auf der Flucht. Die Überlebenden wurden in Konzentrationslagern interniert, die damals schon so genannt wurden. Fast die Hälfte der Gefangenen starb im ersten Jahr an den Folgen von Mangelernährung, Krankheiten und Misshandlungen. In dem bis 1908 andauernden Krieg mit deutschen Truppen starben geschätzt etwa 65.000 Herero und 10.000 Menschen aus der Volksgruppe der Nama. Die Schädel der Toten wurden verpackt und im Rahmen einer „Nekro-Ökonomie“ (nach Baudrillard) [3] für rassistische Experimente ins Deutsche Kaiserreich geschickt.
Der Hamburger Baakenhafen spielte eine zentrale Rolle als Logistikort: Bis 1906 transportierte die Woermann-Linie über 14.000 Mann und über 11.000 Pferde ins Kriegsgebiet. Die verschifften Truppen landeten an den „Landungsbrücken“ in Swakopmund / Namibia. Die Namensgleichheit mit den Hamburger Landungsbrücken unterstreicht die Verbindung Hamburgs zum ehemaligen „Deutsch-Südwestafrika“.
Der Baakenhafen diente dabei im Rahmen der Truppenverabschiedungen für eine performative Inszenierung des Deutschen Kaiserreichs als Kolonialmacht. Die Aufarbeitung des „Eventcharakters“ durch Jan Kawlat [4] legt offen, dass die Feiern vom Hamburger Senat gezielt als politische Bühne genutzt wurden, um den Kolonialkrieg und die koloniale Gewalt zu legitimieren. Die Massenveranstaltungen im Rahmen der festlichen Feiern für die Truppentransporte waren durch Musik, Redebeiträge, Massengastronomie und die Verteilung von sog. „Liebesgaben“ auf Kosten des Senats an die Soldaten gekennzeichnet. Anwesende Ehrengäste wie Lothar von Trotha sorgten für Prominenz. Die großen Schiffe (wie z.B. die Ernst Woermann, die Schleswig und die Lucie Woermann) wurden durch festliche Beflaggung „über die Toppen“ inszeniert. Zu dem Riesenspektakel fanden sich Tausende von jubelnden Zuschauer:innen an den Ufern des Hafens ein. Wegen des großen Andrangs der Hamburger Öffentlichkeit gab die Woermann-Linie Zutrittskarten im Voraus aus, die zum Betreten des Kais berechtigten. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts gab es also „am Baakenhafen in Hamburg eine etablierte öffentliche Festkultur, um die kolonialen Truppentransporte zu begleiten und diese als eine politische Bühne zu nutzen. Der Hamburger Senat und verschiedene Reedereien präsentierten sich hier als zentrale Akteure der Kolonialpolitik (...), während das Militär die eigene Rolle für die Umsetzung dieser Ziele demonstrierte.“ (Jan Kawlat) [5]. Die Feiern im Rahmen dieser „Verabschiedungsspektakel“ wurden von einem pathetischen und rassistischen Nationalstolz getragen und von der Hamburger Stadtgesellschaft und der politischen Repräsentanten des Hamburger Senats unterstützt. Beim Lesen der historischen Beschreibungen drängt sich unwillkürlich der Vergleich zum heutigen Hafengeburtstag auf, der für die Identität der Stadt Hamburg und ihr Stadtmarketing eine sehr große Rolle spielt.
Ungeachtet der Bedeutung des historischen Erbes und der öffentlichen Diskussionen und obwohl sich der Hamburger Senat vor zehn Jahren dazu verpflichtet hat, die Kolonialgeschichte Hamburgs aufzuarbeiten, gibt es bislang am Baakenhafen keinen Hinweis auf die Geschichte des Ortes, nicht einmal eine unscheinbare Gedenktafel. Auf einer dort befindlichen Infotafel wird der Baakenhafen lediglich neutral als „Warenumschlagsort“ beschrieben. Trotz des Versuches von Opferverbänden auf die historische Verantwortung Deutschlands für den Genozid aufmerksam zu machen, gibt es bislang keine Verankerung des Wissens um den Genozid im kollektiven Gedächtnis der Stadt. Es drängt sich der Verdacht auf, dass aktuell weder die Hamburger Öffentlichkeit, noch die HafenCity GmbH, noch der Hamburger Senat an einer Sichtbarkeit der historischen Ereignisse interessiert sind. Kim Todzi bezeichnet dies folgerichtig in einer Stellungnahme zum geplanten Bau der Oper am Baakenhafen als „Koloniale Amnesie“[6].
Zuerst erschienen in: Nora Steinfeld, Joanna Warsza: Monuments, Documents, Moments, 2024/25.
[1]
Zimmerer, Jürgen; Todzi, Kim (Hrsg.): Hamburg: Tor zur kolonialen Welt. Erinnerungsorte der (post)kolonialen Globalisierung. Göttingen: Wallstein Verlag 2021, S. 22.
[2]
Zitiert in: Borggräfe, Friererike: Das koloniale Erbe Hamburgs. Wie sich die Hafenstadt mit ihrer Geschichte auseinandersetzt. →Artikel [Stand: 20.06.2022]
[3]
Baudrillard, Jean: Der symbolische Tausch und der Tod. Matthes & Seitz, München 1982.
[4]
Kawlat, Jan: Der Baakenhafen. Inszenierungsort für Vorstellungen von Deutschland als Kolonialmacht. – In: Zimmerer, Jürgen; Todzi, Kim (Hrsg.): Hamburg: Tor zur kolonialen Welt. Erinnerungsorte der (post)kolonialen Globalisierung. Göttingen: Wallstein Verlag 2021 (S. 67-81).
[5]
Kawlat, Jan: Der Baakenhafen. Inszenierungsort für Vorstellungen von Deutschland als Kolonialmacht. – In: Zimmerer, Jürgen; Todzi, Kim (Hrsg.): Hamburg: Tor zur kolonialen Welt. Erinnerungsorte der (post)kolonialen Globalisierung. Göttingen: Wallstein Verlag 2021, S. 80.
[6]
Todzi, Kim: Dokumentation Baakenhafen: Stellungnahme „Kühne-Oper und Koloniale Amnesie in Hamburg: Wir brauchen einen kolonialen Gedenkort und keine Versiegelung von Hamburgs historischer Verantwortung“. →Artikel [Stand: 04.02.2025].