Esther Shalev-Gerz
Performative Aktivierung und Renovierung des Mahnmals gegen Faschismus

Performative Aktivierung und Restaurierung des Mahnmals gegen Faschismus mit Esther Shalev-Gerz und Gäst*innen: Anna Gröger, Tàimakoo e.V, Candice Breitz, Markus Lohmann, Eda Aslan und Joanna Warsza im Rahmen der Reihe Gegen-Denkmäler der Stadtkuratorin Hamburg,
Video © Lashproduction.

Wir laden die Bürger von Harburg und die Besucher der Stadt ein, ihren Namen hier unseren eigenen anzufügen. Es soll uns verpflichten, wachsam zu sein und zu bleiben. Je mehr Unterschriften der zwölf Meter hohe Stab aus Blei trägt, um so mehr von ihm wird in den Boden eingelassen. Solange, bis er nach unbestimmter Zeit restlos versenkt und die Stelle des Harburger Mahnmals gegen Faschismus leer sein wird. 

Denn nichts kann auf Dauer an unserer Stelle sich gegen das Unrecht erheben.

Das Mahnmal gegen Faschismus von Esther Shalev-Gerz und Jochen Gerz wurde im Jahr 1986 in Hamburg-Harburg errichtet. Heute finden Besucher*innen , die das Mahnmal aufsuchen, eine Gedenktafel vor mit den photographischen Abbildungen der einzelnen Realisierungsschritte, eine Bronzeplatte im Boden eingelassen und den Schacht, in dem das Denkmal zwischen 1986 und 1993 in acht zeremoniellen Etappen versenkt wurde. Das Denkmal ist keines für die Opfer von Faschismus, sondern ein Mahnmal gegen den fortwährenden Faschismus.

Die bewusste Abwesenheit des Denkmals an seinem ursprünglichen Standort erinnert daran, dass Denkmäler uns nicht vor Faschismus schützen können. Nur durch Wachsamkeit, fortlaufende Solidarität und vor allem Standhaftigkeit kann dem Wiederaufleben des Faschismus Einhalt geboten werden, daher ist es wichtig es heute wiederzuentdecken und sich die Frage zu stellen: Was bedeutet es, in unserer heutigen politischen Landschaft ein antifaschistisches Leben zu führen?

Im Oktober 2025 wurde der Standort des Mahnmals gegen Faschismus in Zusammenarbeit mit der Behörde für Kultur und Medien Hamburg gereinigt und restauriert. Die Gedenktafel ist erneuert und die umliegende Architektur von Graffiti gereinigt. Im Anschluss an die Restaurierung fand eine performative Aktivierung und eine vorübergehende Wiedereröffnung in Anwesenheit der Künstlerinnen Esther Shalev-Gerz statt. Die Veranstaltung begann mit einer herzlichen Begrüßung durch die Stadtkuratorin Joanna Warsza, Anna Gröger, Referentin für Bildende Kunst – Kunst im öffentlichen Raum, BKM, und die Künstlerin Esther Shalev-Gerz. Ein besonderer Moment war die mehrsprachige Lesung der Einladung zum Mahnmal, die von Schüler*innen des benachbarten Sprachcafés Tàimakoo e.V. zusammen mit Kolleg*innen und Freund*innen vorgetragen wurde. Während der Lesung wurden die ursprünglichen sieben Sprachen der Einladung um mehrere weitere Sprachen ergänzt. Als performative Antwort auf das Mahnmal und in Erinnerung an die unermüdliche antifaschistische Aktivistin Esther Bejarano interpretierte die Künstlerin Candice Breitz den Song Bel Ami auf dem Akkordeon. Im Anschluss gab der Restaurator Markus Lohmann Einblicke in den Restaurierungsprozess. Danach las Esther Shalev-Gerz einen poetischen Brief an das Denkmal vor und öffnete die Tür zum Schacht vorübergehend wieder, um die neugierigen Besucher*innen hereinzubitten. Die Veranstaltung endete mit einem Spaziergang zu Eda Aslans Ausstellung Island to Another Island; Poem to Another Poem im Kunstverein Harburger Bahnhof begleitet von einer Lesung mit dem Titel Notes on Grey and Blue. Der Abend endete bei einem gemeinsamen Abendessen, das von Salah Zater und Zater's Community Kitchen liebevoll zubereitet wurde.

Diese Veranstaltung markierte den Beginn der Reihe Gegen-Denkmäler von Stadtkuratorin Hamburg, die sich mit der Frage beschäftigt, wie man sich in der postmigrantischen Gesellschaft kritisch, sensibel und zeitgemäß mit dem öffentlichen Raum auseinandersetzen kann. Die künstlerischen Interventionen werden in Zusammenarbeit mit der Behörde für Kultur und Medien Hamburg von Restaurierungsmaßnahmen, Pflege und Instandhaltung der entsprechenden Orte begleitet.

Biografie

Esther Shalev-Gerz lebt in Paris und ist international anerkannt für ihre bahnbrechenden Beiträge im Bereich der Kunst im öffentlichen Raum. Dabei beschäftigt sie sich konsequent mit den Themen Erinnerung, Geschichte, Natur, Demokratie und kulturelle Identität. Ihre Arbeiten hinterfragen das Wesen und die Praxis der Porträtmalerei und untersuchen, wie deren Eigenschaften zum zeitgenössischen Diskurs über die Politik der Repräsentation beitragen können. Ihre Denkmäler, Installationen, Fotografien, Videos und Skulpturen im öffentlicher Raum entstehen im aktiven Dialog und Verhandlung mit Menschen, deren Beteiligung ihre individuellen und kollektiven Erinnerungen, Berichte, Meinungen und Erfahrungen hervorhebt. Diese werden sowohl sichtbar gemacht als auch reflektiert. Ihren Fokus legt die Künstlerin ständig auf die Übergangsqualitäten von Zeit und Raum und auf deren Einfluss auf die Transformation von Identitäten, Orten und Geschichte(n). Ihr Werk ist geprägt von einer Balance zwischen Dokumentation und kritischer Reflexion und trägt wesentlich zu unserem Verständnis der gesellschaftlichen Rolle und des Wertes künstlerischer Praxis bei.

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